Zwischen Grevelberg und Gipskuhle – ein Sommerspaziergang

Normalerweise lesen Sie an dieser Stelle etwas über Arbeitseinsätze, über Umweltsünden oder auch nüchterne Daten über Arten oder Lebensräume. Alle diese Dinge sind wichtig, deshalb soll das natürlich auch in Zukunft so bleiben. Gelegentlich verlangt jedoch unsere menschliche Natur etwas mehr. Im Alltag sind wir Verstandeswesen, aber das ist nur ein Teil unseres Seins. Wir haben ein Herz, nicht im anatomischen Sinn, sondern übertragen als Sitz unserer Seele, unserer Gefühle – eben dessen, was uns menschlich macht.

 

Ob wir es wollen oder nicht, es ist unsere Entwicklungsgeschichte, die uns die Natur um uns herum und alle ihre Geschöpfe als schön empfinden lässt. Das ist der Grund, weshalb ein Spaziergang in einer weitgehend intakten Naturlandschaft unser Inneres zur Ruhe kommen lässt. Mehr noch: Nachweislich wirkt ein solcher Spaziergang sogar auf unsere Physis sehr positiv.

 

Nun gibt es nicht mehr sehr viele „weitgehend intakte Naturlandschaften“. Im Dreieck zwischen Heißum, Othfresen und Liebenburg allerdings gibt es so etwas noch – oder besser wieder. Vokabeln wie „Kalk-Halbtrockenrasen“, „Biotop-Verbundsystem“, „Vernetzungsstreifen“ und dergleichen mehr sind die sachlichen, nüchternen, fasslichen Varianten der Bezeichnungen. „Naturparadies“, „Idylle“, „Blumenmeer“ und andere sind emotional, schwärmerisch, vielleicht irrational und damit in unserer urbanen, technisierten und vielleicht bald digitalen Welt weder mess- noch wägbar – und damit nicht relevant. Oder vielleicht doch?

 

Meine Frau und ich haben uns heute einfangen lassen, haben Blumen und Schmetterlinge gesehen, den Gesang der Vögel gehört und den Duft von Kräutern geatmet. Nach einem Dichterwort streichelt der Vorbeiflug eines Schmetterlings die Seele. Unsere Seele wurde von Hunderten gestreichelt. Wir mussten dazu nur eines tun: Die Berührung zulassen.

 

Nicht nur die Seele, auch das Auge wird berührt. Es irrt nicht über endlose Felder, der Blick ist nicht unstet, sondern findet viele Ruhepunkte. Hier Blumen, dort Büsche, Bäume, Felsen, eine Senke, die dunkelgrüne Linie einer Hecke führt den Blick zum Galgenberg, darüber wie schwerelos ein Schwarzmilan und Mäusebussard am Sommerhimmel. Wenige Wochen zuvor gab es noch die gelben Fahnen der Rapsfelder, nun sind es verwaschene, ausgebleichte, blassgrüne Mosaiksteine in der Landschaft.

 

Die Natur ist kein Idyll, sagt unser Verstand, sagt die Wissenschaft, sagt die Wirtschaft. Die Natur ist ein Idyll, sagt unser Gefühl. Vielleicht sollten wir dann und wann doch auf unser Gefühl achten, unsere Seele streicheln lassen. Einen Spaziergang in „weitgehend intakten Naturlandschaften“ machen – auch wenn sie nur Grevelberg und Gipskuhle heißen.

 

Autor: Gerwin Bärecke

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Kommentare: 1
  • #1

    Uwe Möker (Dienstag, 03 Juli 2018 14:19)

    Wie Recht du hast mit den Aussagen in deinem Text.Bin auch jedes mal Begeistert wenn ich dort hin komme.