Orchideen – Kleinodien der heimischen Flora

Goslar. Immer wieder sind Menschen erstaunt, dass es in unserer heimischen Natur wildwachsende Orchideen gibt. Die meisten bringen diese Pflanzenfamilie eher mit Gewächshäusern oder tropischen Regenwäldern in Verbindung und liegen auch gar nicht mal so falsch. In Deutschland gibt es etwa 50 Arten dieser faszinierenden, dabei seltsamen und teilweise noch immer geheimnisvollen Pflanzen. Die Artenfülle nimmt allerdings von Süd nach Nord deutlich ab, bei uns am vergleichsweise kalten Nordharzrand haben wir nur noch knapp die Hälfte. Davon allerdings findet man stolze 17 Arten in den Biotopen der Natur- und Umwelthilfe Goslar.
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Fuchs’ Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii) - Rolf Nimser, Goslar

Orchideen gehören zu den Liliengewächsen und sind eine noch junge, in voller Entwicklung begriffene, zugleich die arten- und formenreichste Pflanzenfamilie überhaupt. Alle Arten sind hochspezialisiert, und zwar in zweifacher Hinsicht. So sind sie Lebensraumspezialisten, d. h. sie gedeihen nur in ganz bestimmten Arealen. Dazu gehören in erster Linie Kalk-Halbtrockenrasen, aber auch lichte Kalkbuchenwälder. Die zweite Spezialisierung betrifft die Bestäuber; viele Arten haben sich jeweils auf bestimmte Bestäuberinsekten eingestellt. Dabei arbeiten manche Arten mit einem Trick: Sie bieten den Insekten keinen Nektar an, sondern gaukeln ihnen einen Paarungspartner vor. Gerade die Ragwurzarten wie Fliegen- und Bienenragwurz tun sich da hervor. Das klingt jetzt nach intelligentem Handeln und unterstellt den Orchideen die Absicht, so zu handeln. Dem ist natürlich nicht so, auch hier haben wir es mit einem gegenseitigen Anpassungsprozess zu tun, der wie alles in der Evolution auf Veränderung und Auslese beruht. Blütenpflanzen und ihre Bestäuber entwickeln sich seit Anbeginn in gegenseitiger Abhängigkeit, genau das tun auch die Orchideen. Der Fachmann nennt das Koevolution. Genau diese vielfältigen, hochspezifischen Anpassungen, die eben wie intelligente Täuschungen und Manipulationen wirken, haben zur Vielgestaltigkeit dieser Pflanzen und vor allem ihrer Blüten beigetragen; mithin letztlich auch zur Faszination, der viele Menschen angesichts der Fülle erliegen.

Orchideen:  Männliche Knabenkraut (Orchis mascula) und Landschaftspfleger, Schafe - Foto: Volker Schadch
Orchideen: Männliche Knabenkraut (Orchis mascula) und Landschaftspfleger, Schafe - Foto: Volker Schadch

In den Biotopen der Natur- und Umwelthilfe Goslar haben wir es fast mit der gesamten Bandbreite dieser Vielgestaltigkeit zu tun, von der winzigen Kleinblättrigen Sitter, die nur der Fachmann findet, über die unscheinbare Vogel-Nestwurz, die kein Chlorophyll enthält und daher auf anderen Pflanzen schmarotzt, bis hin zum Purpur-Knabenkraut, der wohl schönsten und auffälligsten heimischen Orchidee. Die schon erwähnten Ragwurz-Arten sehen zwar sehr viel exotischer aus, sind aber viel weniger auffällig und wollen erst einmal von einem geschulten Auge gefunden werden. Das gilt ebenso für das Große Zweiblatt, einer schlicht grünen Pflanze, die in der übrigen Vegetation oft übersehen wird.

Stattliches Knabenkraut, Geflecktes Knabenkraut, das seltene Helm-Knabenkraut und die noch seltenere Grüne Waldhyazinthe (die im Gegensatz zu ihrem Trivialnamen in der Tat eine Orchidee ist) sind weitere Kleinodien der Orchideenflora bei uns vor der Haustür. Bemerkenswert ist jedoch vor allem das Breitblättrige Knabenkraut. So ist es eine der häufigsten Orchideen bei uns, außerdem lieferte sie der Natur- und Umwelthilfe Goslar ein Musterbeispiel für die Wirksamkeit von Pflegemaßnahmen. Vor der Renaturierung des Reinbach-Biotops am Nordberg waren nur noch ca. 30 blühende Exemplare gefunden worden. Die Pflanzen konnten den dicht verfilzten Grasteppich nicht mehr durchdringen. Im Jahr nach Beginn der Pflegemaßnahmen hatte sich die Zahl der blühenden Pflanzen verfünffacht!

 

Viele Erdorchideen besitzen zwei Wurzelknollen, eine kleinere, runzlige, aus der die diesjährige Pflanze wächst, und eine größere, glatte, aus der die Pflanze des nächsten Jahres sprießen wird. Die Ähnlichkeit mit Hoden ist dabei offensichtlich und gab der gesamten Familie der Knabenkräuter ihren volkstümlichen Namen. Die Signaturenlehre tat dann ein Übriges, indem sie den Pflanzen aufgrund dieser Ähnlichkeit die Wirkung eines Aphrodisiakums zusprach. Wir wissen es natürlich heute besser, obwohl dieser Aberglaube z. B. im südlichen Europa noch durchaus lebendig ist. Bei uns werden Pflanzen eher zur Ansiedlung für den heimischen Garten ausgegraben. Deshalb sei an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen, dass jegliches Ausgraben, Abpflücken, Zertreten und dergleichen mehr nicht nur streng verboten ist, sondern sich jedem von selbst verbieten sollte.

Das Gedeihen der Orchideen hat natürlich ursächlich mit den Pflegemaßnahmen des Vereins zu tun, denn ohne diese wären die Lebensräume bereits stark verbuscht und die Bestände der Orchideeen rückläufig oder vielleicht sogar in Teilbereichen schon erloschen. Viele davon stehen bereits auf der Roten Liste.

Die Kalk-Halbtrockenrasen und einige Kalk-Buchenwälder sind die letzten Refugien für diese Kleinodien. Hier bei uns steht die Natur- und Umwelthilfe Goslar e. V. dafür, dass sie nicht auch noch aus der Region verschwinden.

 

Quelle: Natur- und Umwelthilfe Goslar e. V. , Gerwin Bärecke, Goslar

Fotos: Rolf Nimser, Volker Schadach, Horst Engler, Regine Schulz

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