Das „Vorwitzchen“ - eine botanische Kostbarkeit

Der erste Farbtupfer des Frühlings ist auch bei uns noch heimisch

 

Zieht man auf der Landkarte eine Linie vom Jadebusen im Norden bis zum Rheinfall bei Schaffhausen, so wird man links oder besser westlich davon kein Leberblümchen (Hepatica nobilis) finden. Die Vorkommen in Deutschland liegen östlich dieser Linie.

Alte Laubwaldstandorte wie lichte Buchen- oder Eichenwälder mit genügend Kalk im Boden und mindestens hundert Jahre alt: Das sind die Biotope, in denen man dieses botanische Kleinod findet. Das zeigt den hohen Anspruch, den die Pflanze an den Wuchsort stellt. Diesen Anspruch teilt sie übrigens mit anderen selten gewordenen Pflanzen; wo sie wächst, findet man oft auch den Türkenbund, das Maiglöckchen, den Seidelbast und auch viele Orchideen, bis auf den Seidelbast aber alle später blühend. Gleichzeitig mit dem Leberblümchen erscheinen andere, noch nicht so seltene Frühblüher; Buschwindröschen, Hohler Lerchensporn, Gelbstern, Lungenkraut, Schlüsselblume und wie sie alle heißen.

 

An vielen Orten sind die bereits erwähnten alten Waldstandorte „verschwunden“, d. h. in der Regel einer „modernen“, nur noch kommerziell ausgerichteten Forstwirtschaft gewichen. Mit diesen Standorten musste auch das Leberblümchen weichen und hat seine frühere Häufigkeit weitgehend eingebüßt. Da hilft ihm auch nicht, dass es im Volksmund wegen seines frühen Blühtermins „Vorwitzchen“ oder weiter südlich sogar „Schneebrecher“ genannt wird; implizieren doch beide Bezeichnungen Eigenschaften, die auf eine gewisse Robustheit schließen lassen. Die hat diese Pflanze auch, aber nur im Hinblick auf die klimatisch harten Bedingungen so früh im Jahr. Allerdings haben wir gerade bei uns um Goslar noch letzte Reste jener einstigen Waldstandorte. Ganz besonders muss man in diesem Zusammenhang die beiden Waldbiotope der Natur-und Umwelthilfe Goslar e. V. erwähnen: der Tönneckenkopf bei Göttingerode und der Frankenwald bei Heißum. Dort blühen sie noch!

 

Die einzelne Pflanze blüht nur etwa eine Woche lang, je nach Standortbedingungen oft schon Anfang bis Mitte März, oft aber auch erst im April. In den meisten Fällen blühen alle Pflanzen eines Standortes gleichzeitig, so dass richtige Teppiche aus blauvioletten Blüten entstehen. Das Leberblümchen ist streng geschützt und darf weder ausgegraben noch abgepflückt werden, auch wenn es als eine der ersten farbigen Blüten des Waldfrühlings noch so reizvoll ist. Viele der so früh blühenden Blumen haben nämlich weiße Blüten (Schneeglöckchen, Märzenbecher, Buschwindröschen) und erinnern damit an den eben erst geschmolzenen Schnee.

Die extrem langsame Verbreitung des Leberblümchens hängt mit seiner Fortpflanzungsstrategie zusammen. Viele Pflanzen lassen ihre Samen vom Wind, von Fluginsekten oder gar von Vögeln verbreiten. Das Leberblümchen nutzt Ameisen, die seine winzigen Nüsschensamen weitertragen. Ameisen sind natürlich weitaus weniger mobil, was letztlich zu einer zwar zuverlässigen, aber eben auch extrem langsamen Verbreitung führt.

Die zu den Hahnenfußgewächsen (Ranunculaceen) gehörende Pflanze wird zwischen fünf und 15 Zentimeter hoch und erhielt ihren deutschen Namen aufgrund der Blattform: in drei (auch bis fünf) Lappen geteilt erinnert diese im Umriss an die menschliche Leber. Die Blüte ist zwar blau bis blauviolett, es kommt aber auch eine rosafarbene Variante vor. Die gesamte Pflanze ist giftig, sie enthält das Gift Protoanemonin, ein heftig wirkendes Reizmittel für Haut und Schleimhäute. Oral aufgenommen verursacht es Übelkeit, Durchfälle, Blutungsneigung und kann zu Nierenschädigungen führen. Die Bedeutung als Heilpflanze hat sie heute weitgehend verloren (das mit der Giftwirkung ist natürlich immer eine Frage der Dosierung!), allenfalls wird sie noch in homöopathischen Dosen bei Lebererkrankungen, Katarrhen und Bronchitis eingesetzt.

 

Wie alle Hahnenfußgewächse überwintert auch das Leberblümchen mit Wurzelstöcken, aus denen im Frühjahr zuerst die Blüten getrieben werden, lange vor den Blättern. Das hat ihr auch den Namen „Dochder vor de Moder“ eingetragen (für alle Nicht-Norddeutschen: Tochter vor der Mutter). Dann aber ist endlich Frühling!

 

Quelle: Natur- und Umwelthilfe Goslar e. V. - Gerwin Bärecke, Goslar
Fotos: Regine Schulz, Goslar

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