Der Wendehals

Das Wort Wendehals war nach 1989 in aller Mund, Wendehälse waren in Deutschland vor allem in der Politik plötzlich überall und keineswegs nur im Osten Deutschlands anzutreffen. Jeder kannte sie, jeder wusste, was dieser Name so treffend beschreibt. Dagegen wissen die meisten Menschen nur wenig über den ursprünglichen Namensträger aus der Vogelwelt, sein Verhalten, - wie ist er zu dem Namen gekommen? - sein Vorkommen, seine Nahrung und seine Verbreitung. Deshalb soll er hier als Neubürger der Flächen des Vereins für Natur- und Umwelthilfe Goslar e.V. im Raum Othfresen etwas genauer vorgestellt werden:

Der Wendehals, in Körpergröße nur wenig größer als ein Sperling, gehört zu der mit über 200 Arten großen Familie der Spechte. Das zeigt sich z.B. am Kletterfuß, der weit vorstreckbaren Leimrutenzunge und dem Brüten in Baumhöhlen. Doch wirkt er schon äußerlich nicht wie ein typischer Specht: Schnabel relativ kurz, Gefieder weich, eulenartig, rindenfarbig (Schutzfärbung), auch fehlen ihm Stützschwanz und Meisselschnabel.


Sein volkstümlicher Name Wendehals ist in Deutschland mindestens seit Beginn des 16. Jahrhunderts als „Windhals“ oder auch „Drehhals“ z.B. bei Hans Sachs überliefert und wird in vielen Sprachen ähnlich verwendet. Der Name geht auf seine eigentümlichen Dreh- und Streckgebärden zurück, die er mit Hals und Kopf ausführt. Sie ähneln den Bewegungen einer Schlange, was noch durch Zischen und die spitze herausragende Zunge verstärkt wird. Mit diesem Verhalten sollen Feinde abgewehrt werden (Schlangen-Mimikry). Mancherorts wird der Wendehals deshalb auch „Natterwindel“ oder ähnlich genannt.

Anders als den Wendehälsen unter den Menschen ist es dieser Vogelart nach 1989 zunehmend schlechter gegangen. 1980 konnten noch 2000 über fast ganz Niedersachsen verteilte Vorkommen erfasst werden, eine landesweite Zählung 2010 erbrachte dagegen nur noch etwa 100 Reviere, das bedeutet in 30 Jahren einen Rückgang um 95%. Die verbliebenen Vorkommen konzentrieren sich in der Lüneburger Heide bis ins Wendland sowie schon sehr viel spärlicher in den Gebieten zwischen Harz und Heide. Einen ungewöhnlichen Lebensraum haben sich einige Wendehälse im Harz erobert, hier nisten sie in vom Borkenkäfer zerstörten, kahl gewordenen Hochlagen im Nationalpark Harz. Aus allen Landesteilen westlich der Weser ist der Wendehals in diesem Zeitraum verschwunden. Dort in den stärker atlantisch geprägten Regionen mit höheren Niederschlägen ist es zu nass für seine Hauptnahrung: Ameisen. Sie machen z.B. 95% der Nestlingsnahrung aus.


Auf die Erbeutung von Ameisen, insbesondere von Ameisenarten des Offenlandes ist der Wendehals hoch spezialisiert. Seine weit vorstreckbare Leimrutenzunge befähigt ihn in hervorragender Weise zum Ameisenfang. An ihr bleiben Larven, Puppen und ausgewachsene Tiere kleben und werden in den Kehlsack befördert, wo bis zu 150 Beutetiere Platz finden. Ameisennester werden in der Regel erst gründlich ausgebeutet, bevor das nächste angesteuert wird.


Die Intensivierung der Landnutzung hat die Lebensräume für Ameisen stark verringert vor allem durch Eutrophierung, durch Verlust wichtiger Randstrukturen und Pufferzonen wie Waldränder, Waldblößen, ungedüngte Grasraine, Trockenrasen und Brachen sowie durch zu starke Düngung (Grünacker), zu häufige oder ausbleibende Wiesenmahd, durch Grünlandumbruch und Pestizideinsatz. Damit wurde die Nahrungsgrundlage und auch die Lebensmöglichkeit für den Wendehals weithin zerstört. Negativ hat sich auch der Verlust an Höhlenbäumen im Wirtschaftswald ausgewirkt.

Der Wendehals, eigentlich ein Bewohner offener, lichter Laubwälder ist heute auf Sonderstandorte angewiesen, die sich durch Nährstoffarmut und niedrige lückige Bodenvegetation auszeichnen. So waren die wenigen 2010 in Niedersachsen gefundenen Brutpaare in Heidegebieten, Laubwäldern, Dorflagen mit Gärten und in Bodenabbaugebieten anzutreffen. Wichtigster Faktor für geeignete Wendehalslebensräume ist die Dichte und Erreichbarkeit von Ameisen des Offenlandes. Daher ist die wichtigste Schutzmaßnahme die Erhaltung und Neuentwicklung nährstoffarmer Lebensräume wie es in den trockenen Kalkmagerrasen der Flächen des Vereins für Natur- und Umwelthilfe Goslar e.V. im Raum Othfresen geschieht. Das Fehlen von Baumhöhlen ist hier durch das Anbringen von Nistkästen ausgeglichen worden und hat in den letzten beiden Jahren zur Ansiedlung von bis zu 2 Paaren dieser inzwischen in Niedersachsen vom Aussterben bedrohten Vogelart geführt.

Quelle:

Autor: Herwig Zang, Goslar

Quelle: J. Wübbenhorst (2012) in Vogelkundliche Berichte aus Niedersachsen 43, S. 15-45.

 

Fotos: Horst Engler, Goslar

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